Notiz/Bildfrequenz
Warum Stummfilme zu schnell laufen: die Bildfrequenz und ihre Folgen
Der hektische Gang alter Filme ist kein Merkmal der Epoche, sondern ein Übertragungsfehler. Er entsteht erst beim Abspielen – und er ist rechnerisch genau zu beziffern.
Eine Filmaufnahme aus dem Jahr 1910 zeigt Menschen, die sich bewegen wie Marionetten: zu schnell, zu ruckartig, mit einem Gang, den niemand je hatte. Der Eindruck ist so verbreitet, dass er als Eigenschaft der Epoche gilt – als hätten die Leute damals wirklich so gewirkt, oder als sei die Technik eben noch nicht so weit gewesen. Beides trifft nicht zu. Die Aufnahmen sind korrekt; falsch ist die Geschwindigkeit, mit der sie heute laufen.
Die Aufnahme hatte keine feste Geschwindigkeit
In den ersten drei Jahrzehnten des Kinos wurde die Kamera von Hand gekurbelt. Eine Umdrehung transportierte bei den verbreiteten Apparaten acht Bilder, zwei Umdrehungen in der Sekunde ergaben also sechzehn. Diese Zahl war eine Faustregel, kein Standard – sie ließ sich mit etwas Übung halten, und sie entsprach der Menge Rohfilm, die man bereit war zu verbrauchen.
Abgewichen wurde davon ständig, und zwar mit Absicht. Bei schwachem Licht kurbelte der Kameramann langsamer, damit jedes Bild länger belichtet wurde. Für eine Szene, die auf der Leinwand hetzen sollte, kurbelte er ebenfalls langsamer, weil die Bewegung beim Abspielen dann schneller wirkte. Für den umgekehrten Effekt kurbelte er schneller. Die Geschwindigkeit war ein gestalterisches Mittel, das der Kameramann von Einstellung zu Einstellung anders einsetzen konnte.
Dazu kam die Ökonomie. Rohfilm war teuer, und 35-Millimeter-Film hat sechzehn Bilder auf einem Fuß Länge. Bei sechzehn Bildern je Sekunde verbrauchte eine Kamera also genau einen Fuß Film in derselben Zeit, sechzig Fuß in der Minute – eine Rechnung, die sich im Kopf machen ließ und die Kalkulationen der Zeit bestimmt. Wer schneller kurbelte, verbrauchte mehr Material für dieselbe Szene.
Warum die Kurbel kein Mangel war
Die Vorstellung, der Handantrieb sei ein technischer Rückstand gewesen, den man mangels Alternative ertrug, hält der Prüfung nicht stand. Federwerke und Elektromotoren gab es; sie waren schwerer, teurer und außerhalb des Ateliers unpraktisch. Vor allem aber hätten sie eine Entscheidungsmöglichkeit genommen, die als Vorteil galt.
Erst als die Aufnahme mit etwas synchronisiert werden musste, wurde die Schwankung zum Problem. Solange nur Bilder aufgezeichnet wurden, war eine Abweichung von zwei Bildern folgenlos. Ein aufgezeichneter Ton dagegen läuft mit, und jede Schwankung der Transportgeschwindigkeit verschiebt seine Tonhöhe hörbar. Die feste Bildfrequenz ist deshalb keine Verbesserung der Bildtechnik, sondern eine Folge des Tons.
Im Vorführraum galt dasselbe umgekehrt. Auch der Projektor wurde zunächst gekurbelt, später mit Motor betrieben, dessen Geschwindigkeit sich regeln ließ. Der Vorführer war keine ausführende Instanz, sondern Teil der Aufführung: Er hielt das Tempo, das zur Szene und zur Musik passte, und er wusste, dass eine Verfolgungsjagd anders zu spielen war als ein Abschied.
Was im Vorführraum entschieden wurde
Neben der künstlerischen gab es eine handfeste Erwägung. Ein Programm, das schneller läuft, ist kürzer, und ein kürzeres Programm erlaubt eine zusätzliche Vorstellung. In den Ladenkinos der zehner Jahre, deren Geschäft auf hohem Durchlauf beruhte, war das ein direkter Hebel auf den Umsatz. Verleiher beschwerten sich über Häuser, die ihre Filme regelrecht durchjagten; Kinobetreiber wiederum klagten über Kopien, die zu lang für ihren Spielplan waren.
Die Vorführgeschwindigkeit lag deshalb in den zwanziger Jahren häufig über der Aufnahmegeschwindigkeit – nicht selten bei zwanzig bis vierundzwanzig Bildern, während gedreht worden war mit sechzehn bis achtzehn. Der zu schnelle Gang alter Filme ist also kein Erzeugnis der Nachwelt allein. Ein Teil des Publikums hat ihn schon damals gesehen.
Ein technisches Detail begrenzte die Freiheit nach unten: das Flimmern. Wird ein Bild nur sechzehnmal in der Sekunde neu aufgebaut, nimmt das Auge den Wechsel als Zucken wahr. Die Umlaufblende löst das, indem sie jedes Bild mehrfach verdunkelt – bei drei Flügeln achtundvierzig Verdunkelungen je Sekunde, obwohl nur sechzehn verschiedene Bilder gezeigt werden. Ohne diesen Kunstgriff wäre eine Vorführung mit sechzehn Bildern nicht erträglich gewesen, und die Geschwindigkeit hätte von Anfang an höher liegen müssen.
Der Ton macht aus der Geschwindigkeit eine Konstante
Mit dem Lichtton endete die Verhandelbarkeit. Die Tonspur liegt seitlich neben dem Bild auf demselben Streifen und wird mit ihm transportiert; ihre Wiedergabequalität hängt unmittelbar daran, wie viel Filmlänge in der Sekunde am Abtastspalt vorbeiläuft. Je höher diese Geschwindigkeit, desto feiner lassen sich hohe Frequenzen auflösen.
Vierundzwanzig Bilder pro Sekunde waren der Kompromiss zwischen dieser Anforderung und dem Materialverbrauch. Höhere Werte hätten besser geklungen und mehr gekostet; niedrigere hätten Sprache dumpf gemacht. Die Zahl ist damit keine Eigenschaft des menschlichen Auges und auch nicht das Ergebnis einer Wahrnehmungsstudie, sondern das Ergebnis einer Abwägung über Tonqualität und Rohfilmpreis, die Ende der zwanziger Jahre getroffen wurde und seither gilt.
Dass diese Norm anschließend auch für die Wiedergabe alter Filme galt, war kein Beschluss, sondern eine Nebenwirkung. Als die Kinos umrüsteten, verschwanden die regelbaren Antriebe aus den Vorführräumen. Ein Projektor der dreißiger Jahre konnte nur noch vierundzwanzig Bilder, und jeder ältere Film, der auf ihm lief, lief zu schnell. Die Entwicklung dieser Umstellung ist im Überblick zum Wandel vom Stummfilm zum Tonfilm nachgezeichnet.
Was beim Abspielen mit 24 Bildern geschieht
Die Rechnung ist einfach und ihr Ergebnis groß. Eine Szene, die mit sechzehn Bildern pro Sekunde aufgenommen und mit vierundzwanzig abgespielt wird, läuft um den Faktor 1,5 zu schnell. Aus drei Sekunden werden zwei. Ein Mensch, der in gemächlichem Tempo durchs Bild geht, legt dieselbe Strecke in zwei Dritteln der Zeit zurück – und weil der menschliche Gang ein sehr vertrautes Bewegungsmuster ist, fällt genau diese Abweichung auf, noch bevor man sie benennen kann.
Betroffen sind nicht nur Geschwindigkeiten, sondern auch Rhythmen. Ein Schnitt, der auf einen musikalischen Akzent gesetzt war, trifft ihn nicht mehr. Eine Pause, die eine Reaktion tragen sollte, ist zu kurz für die Reaktion. Ein Blick, der einen Moment zu lange dauern sollte, dauert ihn nicht mehr. Die Komik früher Filme wird dadurch systematisch überzeichnet, das Drama systematisch verkürzt.
Hinzu kommt ein zweiter Fehler, der oft mit dem ersten verwechselt wird. Alte Kopien sind häufig unvollständig oder mehrfach umkopiert, und dabei sind einzelne Bilder verloren gegangen. Das erzeugt ein Stocken, das kein Geschwindigkeitsproblem ist und sich auch durch die richtige Frequenz nicht beheben lässt – es ist eine Lücke im Material.
Zeitlupe und Zeitraffer sind derselbe Handgriff
Dass die Aufnahmegeschwindigkeit frei war, hatte eine Kehrseite, die von Anfang an genutzt wurde: Wer sie verändert, verändert das Tempo auf der Leinwand. Wird schneller gekurbelt als später vorgeführt, dehnt sich die Bewegung – Zeitlupe. Wird langsamer gekurbelt, rafft sie sich zusammen. Beides ist derselbe Eingriff an derselben Stelle, nur in entgegengesetzter Richtung, und beides kostete nichts außer Rohfilm.
Die Komik der frühen Jahre nutzt das systematisch. Eine Verfolgung, die mit zwölf Bildern gedreht und mit achtzehn vorgeführt wird, bekommt eine Hast, die kein Schauspieler herstellen könnte. Umgekehrt entstanden die ersten Zeitlupenaufnahmen für wissenschaftliche Zwecke: Bewegungsstudien an Menschen und Tieren, bei denen es gerade darauf ankam, den Ablauf zu strecken.
Das Verfahren hat den Stummfilm überdauert und ist bis heute dasselbe. Eine Zeitlupe entsteht auch jetzt dadurch, dass mit mehr Bildern aufgenommen und mit der normalen Zahl wiedergegeben wird; geändert hat sich nur, dass beide Werte inzwischen festgelegt sind und nicht mehr von der Hand des Kameramanns abhängen. Wer eine alte Aufnahme zu schnell abspielt, erzeugt deshalb ungewollt genau den Effekt, den die Zeit absichtlich einsetzte – und macht damit jede Szene komisch, auch die, die es nicht sein sollte.
Wie Archive die richtige Geschwindigkeit bestimmen
Es gibt keine Angabe auf dem Film, die die Aufnahmegeschwindigkeit verrät. Sie muss erschlossen werden, und dafür haben sich mehrere Wege eingebürgert. Der verlässlichste ist der Vergleich von Kopienlänge und überlieferter Spielzeit: Verleihkataloge, Zensurkarten und Programmzettel nennen häufig eine Dauer in Minuten, und aus Länge und Dauer ergibt sich die Frequenz unmittelbar.
Der zweite Weg führt über die Musik. Zu vielen Filmen wurden Begleithefte mitgeliefert, die für jede Szene ein Stück und dessen Dauer vorgaben. Wer diese Vorgaben auf eine erhaltene Kopie legt, bekommt eine Geschwindigkeit, bei der Bild und Partitur zusammenpassen – und eine, bei der sie es nicht tun. Die Arbeit an solchen Rekonstruktionen leisten Kinematheken und Festivals, weil sie sich kommerziell nicht trägt; Bestände und Restaurierungsberichte dazu veröffentlicht unter anderem die Deutsche Kinemathek.
Der dritte Weg ist die Bewegung im Bild. Ein Pendel, ein Wagenrad, ein gehender Mensch, ein fallender Gegenstand: Alle haben ein physikalisch bestimmtes Tempo, und eine falsch gewählte Frequenz verrät sich daran sofort. Diese Methode ist die unpräziseste und zugleich die, die am Ende immer gefragt wird, weil sie die einzige ist, die das Ergebnis überprüft statt es zu berechnen.
Woran sich ein falsch laufender Film erkennen lässt
Am zuverlässigsten am Gang. Menschliches Gehen hat eine enge natürliche Spanne, und schon eine Abweichung von zwanzig Prozent wirkt falsch, ohne dass der Grund benannt werden könnte. Wer bei einer Aufnahme den Eindruck hat, die Leute trippelten, sieht in aller Regel eine zu schnell abgespielte Kopie und nicht eine Epoche, die es eilig hatte.
Ein zweites Merkmal ist der Umgang mit Gegenständen. Eine Hand, die eine Tasse abstellt, tut das in einer Geschwindigkeit, die vom Gewicht der Tasse bestimmt wird. Läuft die Aufnahme zu schnell, sieht die Bewegung aus, als wäre die Tasse leer und leicht – ein Eindruck, den keine Kamera erzeugt und der auf der Leinwand nie beabsichtigt war.
Wie stark dieser Übertragungsfehler das Bild einer ganzen Epoche geprägt hat, lässt sich daran ablesen, dass die Beschleunigung als Stilmerkmal in Erinnerung blieb: Slapstick gilt als hektisch, frühe Dokumentaraufnahmen als unfreiwillig komisch. Ein Blick in die frühe Kinogeschichte zeigt, dass die Filme selbst diesen Ruf nicht verdient haben. Sie sind vollständig erhalten geblieben in einem Punkt, über den selten gesprochen wird – in ihrem Tempo, das nur niemand mehr abspielt.
Begriffe auf dieser Seite
- Bildfrequenz16–24/s
- Kaderseit 1895
- Blende, Umlaufblendeseit 1895
- Lichttonab 1919
Häufige Fragen
Mit wie vielen Bildern pro Sekunde wurden Stummfilme gedreht?
Meist mit 14 bis 18 Bildern pro Sekunde, gegen Ende der Stummfilmzeit auch mit 20 bis 24. Eine verbindliche Norm gab es nicht: Die Kamera wurde von Hand gekurbelt, und der Kameramann richtete sich nach Licht, Motiv und Rohfilmvorrat.
Warum wirken alte Filme dann zu schnell?
Weil sie mit 24 Bildern pro Sekunde abgespielt werden, der Norm des Tonfilms. Eine Aufnahme mit 16 Bildern läuft dadurch um die Hälfte zu schnell – aus einer Bewegung von drei Sekunden werden zwei.
Wer legte die Vorführgeschwindigkeit fest?
Bis zum Tonfilm der Kinobetreiber. Eine schnellere Vorführung verkürzte das Programm und erlaubte eine zusätzliche Vorstellung am Abend, weshalb vielerorts schneller gespielt wurde, als gedreht worden war.
Woher wissen Archive, wie schnell ein Film laufen muss?
Aus der Länge der Kopie im Verhältnis zur überlieferten Spielzeit, aus den Musikbegleitheften, die minutengenaue Vorgaben enthielten, und aus der Bewegung im Bild selbst – ein Gang, ein Wurf, ein Türschlag verraten, ob die Geschwindigkeit stimmt.