Notiz/Material
Nitrofilm: warum Kinokopien ein halbes Jahrhundert lang brennbar waren
Ein Film aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts ist nicht einfach alt. Er ist ein chemisch instabiler Gegenstand, der sein eigenes Oxidationsmittel mitbringt und sich auch dann zersetzt, wenn ihn niemand anfasst.
Nitrozellulose ist derselbe Stoff, aus dem Schießbaumwolle besteht, nur anders nitriert. Diese Verwandtschaft ist keine Anekdote, sondern die Erklärung für fast alles, was die Filmüberlieferung der ersten fünfzig Jahre geprägt hat: für die Bauweise von Vorführräumen, für die Verluste in den Archiven und dafür, dass ein großer Teil des Weltkinos vor 1950 schlicht nicht mehr existiert.
Ein Material, das sein eigenes Oxidationsmittel mitbringt
Ein gewöhnlicher Brand braucht drei Dinge: brennbaren Stoff, Sauerstoff und Wärme. Löschen heißt, eines davon zu entfernen – meistens den Sauerstoff, durch Schaum, Kohlendioxid oder Decke. Nitrozellulose entzieht sich diesem Vorgehen, weil ihre Nitratgruppen den nötigen Sauerstoff bereits enthalten. Die Verbrennung läuft weiter, wenn die Umgebungsluft verdrängt ist, und sie läuft unter Wasser weiter.
Die Zündtemperatur liegt je nach Zustand der Kopie bei etwa hundertfünfzig Grad und sinkt, je weiter das Material zersetzt ist. Das ist keine hohe Schwelle für einen Vorführraum, in dem eine Bogenlampe brennt und der Film unmittelbar am Bildfenster stillsteht, während davor und dahinter transportiert wird. Ein klemmender Greifer, eine hängende Schleife, eine Sekunde ohne Kühlung – mehr brauchte es nicht.
Brennt eine Rolle, brennt sie schnell. Die Flamme läuft durch die Wicklung, die Rolle wirft in kurzer Zeit ihr ganzes Volumen als Gas ab, und dabei entstehen nitrose Gase, die für sich genommen giftig sind. Bei Bränden in Vorführräumen kamen Menschen häufiger durch diese Gase und die Panik im Saal um als durch die Flammen.
Wie der Vorführraum darauf gebaut wurde
Die Bauordnungen zogen daraus früh Konsequenzen, und sie sind der Grund für eine Raumform, die man in älteren Kinos bis heute sieht. Der Vorführraum ist ein eigener, feuerbeständig abgetrennter Raum mit eigenem Zugang, oft mit einer Tür, die sich nach außen öffnet. Die Bildfenster sind klein und mit Klappen versehen, die im Brandfall fallen und den Raum gegen den Saal abschließen.
Am Projektor selbst saßen Feuerrollen: enge Metallschlitze ober- und unterhalb des Bildfensters, durch die der Film läuft und die eine Flamme nicht passieren lassen. Die Filmrollen lagen in geschlossenen Blechkassetten. In manchen Ländern war die maximale Rollenlänge vorgeschrieben, was direkt bestimmte, wie oft ein Programm unterbrochen werden musste.
Der Vorführer war deshalb kein Techniker im heutigen Sinn, sondern eine behördlich geregelte Tätigkeit mit Prüfung. Diese Verberuflichung erklärt einen Teil der Handlungsfreiheit, die im Vorführraum lag – auch bei der Geschwindigkeit, mit der ein Film lief. Wer den Umgang mit einem brennbaren Material verantwortet, entscheidet auch über anderes mit.
Die Brände, die Bestände vernichtet haben
Der Brand im Pariser Bazar de la Charité 1897, bei dem eine Vorführlampe den Film entzündete und über hundert Menschen starben, ist der bekannteste frühe Fall und stand am Anfang der Sicherheitsvorschriften. Für die Filmgeschichte folgenreicher waren jedoch die Lagerbrände, weil dort nicht eine Kopie verbrannte, sondern die einzige.
1937 brannte ein Lager der Fox-Produktion in Little Ferry, New Jersey. Vernichtet wurde ein erheblicher Teil des Stummfilmbestands der Firma – Negative, von denen keine Zweitüberlieferung existierte. Vergleichbare Verluste gab es in mehreren Ländern, teils durch Brand, teils durch Kriegseinwirkung, teils durch Entsorgung: Kopien galten als Verbrauchsmaterial, und das Silber in der Emulsion hatte einen Wiederverkaufswert.
Wie groß der Gesamtverlust ist, lässt sich nur schätzen. Eine Erhebung der Library of Congress aus dem Jahr 2013 kommt für den amerikanischen abendfüllenden Stummfilm auf einen Verlust von rund siebzig Prozent der Titel; vollständig in der ursprünglichen Fassung erhalten ist etwa jeder siebte. Für das europäische Kino der Zeit liegen die Schätzungen in derselben Größenordnung. Welche Folgen das für die Beurteilung einer Epoche hat, ist im Abschnitt zur frühen Kinogeschichte ausgeführt.
Warum die Zersetzung das größere Problem ist
Der Brand ist das dramatische Risiko, die Zersetzung das wahrscheinlichere. Nitrozellulose baut sich über Jahrzehnte selbst ab, und der Vorgang beschleunigt sich, weil die dabei frei werdenden nitrosen Gase den Abbau weiter antreiben. Eine dicht gewickelte Rolle in einer geschlossenen Dose schafft sich damit ihre eigene schlechteste Umgebung.
Der Verlauf ist gut beschrieben und läuft in erkennbaren Stufen ab. Zuerst wird die Emulsion klebrig und das Bild blasser. Dann verklebt die Wicklung zu einem Block, der sich nicht mehr abrollen lässt. Am Ende steht ein brauner, staubiger Rest, in dem kein Bild mehr steckt. Ist eine Rolle in der zweiten Stufe, ist eine Umkopierung noch möglich, aber eilig; in der dritten ist der Film verloren.
Daraus folgt eine unangenehme Eigenschaft dieses Bestands: Er hat eine Frist. Ein Buch von 1920 kann man in fünfzig Jahren noch lesen; eine Nitrokopie von 1920 muss vorher umkopiert oder digitalisiert werden, sonst gibt es nichts mehr zu retten. Diese Frist ist der Grund, warum Archive Prioritäten setzen müssen, und jede Priorität ist zugleich eine Entscheidung darüber, was nicht überlebt.
Die Umstellung auf Sicherheitsfilm
Ein unbrennbarer Ersatz war früh bekannt. Zelluloseacetat kam ab etwa 1909 für Schmalfilmformate auf den Markt, gerade weil dort das Risiko im Wohnzimmer lag. Für den professionellen Einsatz galt es lange als untauglich: Es schrumpfte stärker, war weniger reißfest und lief in Hochleistungsprojektoren schlechter.
Erst als sich diese Eigenschaften verbesserten, kippte die Abwägung. Die großen Hersteller stellten die Produktion von 35-Millimeter-Nitrofilm um 1950 ein; ab etwa 1951 wurde professionell auf Sicherheitsfilm gedreht und kopiert. Der Stichtag trennt die Filmgeschichte in zwei Teile mit völlig verschiedenen Erhaltungsbedingungen – eine Zäsur, die in keiner Stilgeschichte vorkommt und trotzdem mehr über den heutigen Bestand aussagt als die meisten.
Die Umstellung löste das Brandproblem und schuf ein neues, weil auch Acetat nicht dauerhaft stabil ist. Es zersetzt sich langsamer, aber es zersetzt sich, und das Ergebnis ist das Essigsyndrom – ein Schadensbild, das die Archive seit den achtziger Jahren beschäftigt und im Glossar der Filmbegriffe neben dem Nitrofilm steht, weil beide dasselbe Grundproblem in verschiedener Geschwindigkeit zeigen.
Wie Archive Nitrobestände heute halten
Die Lagerung folgt drei Regeln: kalt, trocken, getrennt. Kalt, weil jede Temperatursenkung den chemischen Abbau verlangsamt; trocken, weil Feuchtigkeit ihn beschleunigt; getrennt, weil im Brandfall nicht der ganze Bestand betroffen sein darf. Nitrolager sind deshalb in kleine, einzeln abgeschottete Zellen unterteilt, oft baulich vom übrigen Archiv abgesetzt und mit Druckentlastungsflächen versehen, die einen Brand nach außen führen.
In Deutschland liegen die größeren Nitrobestände beim Bundesarchiv und bei den großen Kinematheken, in eigens dafür errichteten Anlagen. Der Aufwand ist beträchtlich und wird ausschließlich öffentlich getragen, weil sich aus einer Nitrokopie kein Ertrag erwirtschaften lässt, der ihn deckt.
Parallel läuft die Umkopierung, heute meist die Digitalisierung. Sie ersetzt das Original nicht: Eine Nitrokopie enthält Bildinformationen, die jede Abtastung nur annähert, und solange das Material lesbar ist, bleibt es die Quelle. Archive behalten es deshalb auch nach der Digitalisierung – ein Grundsatz, der leicht zu formulieren und teuer einzuhalten ist.
Was der Bestand über die Überlieferung sagt
Wer aus dem erhaltenen Material auf die Produktion einer Epoche schließt, schließt von einer Stichprobe, die durch Brand, Zersetzung und Entsorgung gezogen wurde. Diese drei Filter arbeiten nicht zufällig. Erhalten blieb eher, was aufwendig produziert und deshalb mehrfach kopiert wurde; erhalten blieb eher, was ein Archiv früh für wichtig hielt; erhalten blieb eher, was in einem Land lag, in dem nicht gekämpft wurde.
Das Ergebnis ist ein Kanon, der stärker aus der Überlieferungslage stammt als aus einem Urteil. Von einigen Regisseuren der zwanziger Jahre sind zwei Filme erhalten und zwanzig verloren, und die zwei entscheiden über den Ruf. Wer in einem Archivkatalog eine Fassung mit dem Vermerk „unvollständig, nach der einzigen erhaltenen Kopie“ findet, hat den Normalfall vor sich, nicht die Ausnahme.
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Häufige Fragen
Warum brennt Nitrofilm unter Wasser weiter?
Weil Nitrozellulose den Sauerstoff, den die Verbrennung braucht, chemisch gebunden mitbringt. Löschmittel wirken, indem sie Luftsauerstoff verdrängen oder kühlen; das erste greift hier nicht, und das zweite gelingt bei der Hitze eines Nitrobrandes kaum.
Warum wurde das Material so lange verwendet?
Weil es optisch und mechanisch besser war als die frühen Alternativen. Nitrozellulose ist zäh, reißfest und außerordentlich klar; die ersten Sicherheitsfilme schrumpften stärker, rissen leichter und galten als Material für Amateurformate.
Ab wann gab es Sicherheitsfilm?
Für Schmalfilmformate ab etwa 1909, im professionellen 35-Millimeter-Bereich flächendeckend erst um 1950. Die großen Hersteller stellten die Produktion Anfang der fünfziger Jahre um; was davor gedreht wurde, liegt auf Nitrozellulose.
Ist Nitrofilm heute noch vorführbar?
In einigen wenigen Häusern weltweit, die dafür baulich zugelassen sind. Der Aufwand – feuerfeste Vorführräume, Brandschutzauflagen, geschultes Personal – ist der Grund, warum Nitrovorführungen als besondere Ereignisse angekündigt werden.